Dienstag, 25. Oktober 2011

Graham Hancock und die Entsprechungslehre

Der 1950 geborene britische Journalist Graham Hancock interessiert sich sehr für historische (geschichtliche) Mythen. Ein Mythos ist Erzählung, die einen tieferen Sinn enthält, unabhängig davon, ob alle Details, die mitgeteilt werden, nun stimmen oder nicht. Das Nibelungenlied ist beispielsweise ein Mythos. Unabhängig davon, ob nun tatsächlich Gunther von Worms mit seinen Getreuen nach Ungarn gezogen ist und dort in der brennenden Halle des Hunnenkönigs Etzel (Attila) kämpfend untergegangen ist, verweist die Erzählung auf die Entstehung von Streit und Gewaltsamkeit unter den Menschen aufgrund der Schwächen des menschlichen Charakters, sowie auf den Wert der Treue. Mein Religionslehrer im Gymnasium hat einmal im Religionsunterricht gemeint, dass wir die Aussagen der Religion nach dem Motto betrachten sollten: "Und selbst, wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden!" Ganz bestimmt war er zutiefst von der Wahrheit des Katholizismus durchdrungen - er hat jedoch durch seine Aussage darauf hingewiesen, dass die christliche Religion auch eine mythische Dimension besitzt - unabhängig davon, ob nun Jesus die Wunder, die in der Bibel beschrieben sind, tatsächlich gewirkt hat, ist es möglich, dass außer gewöhnliche Menschen Taten vollbringen können, die den üblichen Rahmen voll und ganz sprengen. Ich denke dabei z.B. an Christoph Columbus, der durch seinen Auftritt vor dem spanischen Königspaar, die spanische Königin Isabella dazu bewegt hat, ihren Schmuck zu verpfänden, damit Columbus seine Reise finanzieren kann.

Hancock ist ein moderner Anhänger des Hermes Trismegistos, des dreimal mächtigen Hermes - einer Göttergestalt, die bei den Gelehrten im antiken Alexandria großes Ansehen genossen hat., Der berühmteste Ausspruch des Hermes Trismegistos lautet:: "Wie oben, so unten." Hermes Trismegistos wollte dadurch sagen, dass eigentlich die Dinge auf der Erde (unten) sich genauso vollziehen sollten, wie im Himmel, (oben). Diese Vorstellung kommt auch zum Ausdruck in der dritten Fürbitte des Vaterunsers: "Dein Wille geschehe im Himmel (oben), wie auf Erden (unten)". Dies zeigt, dass Jesus ebenfalls diesen Grundgedanken des Hermes Trismegistos vertreten hat. Goethes monumentales Drama Faust II endet mit der Rettung des Faust durch Maria, obwohl Faust sich leichtsinnigerweise in die Fänge des Teufels begeben hat. Die Engel, die Fausts Seele in den Himmel geleiten sagen unter anderem: "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis." Goethe hat sich eingehend mit den Werken des schwedischen Sehers Emanuel Swedenborg befasst. Swedenborg lehrt, dass die Bibel eigentlich nur durch die Lehre der Entsprechung voll und ganz verstanden werden kann. Jesus spricht mehrmals davon, dass er in Gleichnissen oder Entsprechungen redet.

Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts habe ich mich eingehend mit der Astrologie befasst. Das Buch "Lehrgang der Astrologie" von Ernst von Xylander hat mich damals tief beeindruckt.Er vertritt darin die These, dass die Astrologie durchaus eine eigene Logik besitzt, nämlich die Logik der Entsprechung oder der Assoziation, der Aneinanderreihung von Vorstellungen. Die Sonne strahlt am Himmel und ist somit ein Abbild des Selbstbewusstseins. Der Mond verändert immer seine Gestalt. Er ist somit ein Ausdruck des Veränderlichen, des Unbeständigen, des Wechselhaften. Das Wort Laune kommt von Luna, der lateinischen Bezeichnung des Mondes.Der Jupiter sendet ein gleichmäßiges strahlendes Licht aus. Deshalb gilt er als ein Ausdruck der Gelassenheit und des Wohlwollens. Menschen, bei denen die Jupitereigenschaften besonders ausgeprägt sind, werden als jovial (jupiterhaft) bezeichnet. Wer gerne seine Kenntnisse der Entsprechungslehre weiter vertiefen will, sollte sich eingehend mit der Astrologie befassen.

Durch Goethes "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis" soll darauf hingewiesen werden dass unsere Welt ein Abbild einer höheren Welt ist - genau dies ist auch die grundlegende (fundamentale) Aussage der Philosophie Platons, die im bekannten Höhlengleichnis anschaulich vermittelt wird. Es wäre sehr schön, wenn die Menschheit nach dem Vorbild von Faust in der gegenwärtigen tiefen Krise eine ähnlich hochherzige Retterin wie Maria fände.

Die Euklidische Geometrie, die mit idealen Gebilden, wie etwa Punkten, Geraden und Ebenen arbeitet, die in ihrer Idealform nirgends in unserer Welt vorkommen, ist ein Hinweis darauf, dass unsere Welt das Abbild einer vollkommenen höheren Welt ist. Mein Mathematiklehrer in der gymnasialen Oberstufe hat häufiger gesagt: "Geometrie besteht darin, dass wir anhand falscher Figuren richtige Sätze beweisen."Euklid, der Autor der Elemente, des berühmten Lehrbuchs der Geometrie, sagt beispielsweise: "Ein Punkt hat keine Teile mehr." In unserer den Sinnen zugänglichen Welt, kann alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können, auch noch in kleinere Teile zerlegt werden. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie mein Mathematiklehrer in der sechsten Klasse gesagt hat: "Ein Punkt auf dem Papier, der mit einem Bleistift gezeichnet worden ist, ist eigentlich nur eine Graphitmulde!" Er hat dann weiter darauf aufmerksam gemacht, dass die Geometrie auf Grundanahmen (Axiomen) beruht, die nicht in Zweifel gezogen werden dürfen, sofern wir uns vernünftigerweise mit der Geometrie befassen wollen. Er hat sodann diese Grundannahmen der Geometrie mit den Glaubenssätzen der Kirchen verglichen. Wortwörtlich meinte er: "Wenn jemand die Glaubenssätze der Kirchen radikal ablehnt, kann sich ein Kirchenmann nicht vernünftig mit der betreffenden Person über den Glauben der Kirche unterhalten. Genau sowenig können wir Mathematiker uns vernünftig mit jemandem unterhalten, der unsere Grundannahmen der Geometrie nicht gelten lässt." Der berühmte Philosoph  Ludwig Wittgenstein hat sehr schön gesagt: "Nicht dass uns ein mathematischer Satz einleuchtet, sondern, dass wir das Einleuchten gelten lassen, macht erst den Satz zu einem mathematischen Satz." Oder an anderer Stelle: "Zu meinen, dass die Mathematik nur von der Logik her kommt, ist so einfältig, als zu sagen: 'Das Tischlern kommt nur vom Leimen.'"

Ich hatte einmal eine Diskussion mit einem Theologen. Dabei habe ich die Meinung vertreten, dass es möglich ist, aus falschen Annahmen richtige Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel habe ich die offenkundig falsche Aussage gewählt: -1 = 1. Wenn ich einen Euro Schulden habe, ist dies ganz etwas anderes, als wenn ich einen Euro Guthaben habe. Aus dieser falschen Aussage kann ich jedoch sofort folgern, dass (-1) x (-1) = 1 = 1 x 1, was eine richtige Aussage ist. Der Theologe hat mit großer Erregung geantwortet: "-1 = 1 ist eine doch eine falsche Aussage!" und hat deshalb den richtigen Schluss nicht akzeptiert. Er hat sozusagen das Einleuchten im Sinne Wittgensteins nicht gelten lassen. Vom Standpunkt der Mathematik aus gesehen, hat er sich wie ein Ketzer verhalten, der die Kirchenlehre in Bausch und Bogen ablehnt und durch diese Ablehnung eine vernünftige Unterhaltung verhindert.

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